Was ist Armut? Und was heißt reich?
2,88 Millionen in Deutschland beziehen Sozialhilfe
Reichtum ist keine Schande, Armut schon. Ein Satz, der nicht für die Betroffenen, sondern für die Gesellschaft gilt, in der jene leben, die häufig nur wenig mehr als zum Überleben haben. Dass im reichen Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft, stimmt nachdenklich. Dass rund 7000 Kinder auf der Straße leben, ist unfassbar. Dass 1998 zehn Prozent aller Haushalte über 42 Prozent des Gesamtvermögens verfügten, ist eine gefährliche Schieflage.
Armut bleibt im deutschen Wohlstand auch deshalb ein Problem, weil die ungleiche Verteilung von Gütern wächst und damit die ungleiche Verteilung von Lebenschancen. Wer aber jetzt nach einer reichen Umverteilung von oben nach unten ruft, denkt zu kurz, schürt Sozialneid und schwächt unternehmerische Motivation. Statt oben muss der Staat nämlich unten ansetzen, muss denen helfen, die es besonders hart trifft: Kinderreiche, Ostdeutsche, Alleinerziehende.
Die Bundesregierung benutzt den Bericht vor allem dazu, ihre Steuer- und Rentenpolitik zu loben. Doch was ist bisher unternommen worden, damit Kinder kein Armutsrisiko mehr sind, damit der Lebensstandard von Familien nicht um fast 30 Prozent niedriger liegt als bei den Kinderlosen? Zwar kann Rot-Grün zu Recht auf die Verantwortung der christlich-liberalen Vorgängerregierung verweisen, die während des Untersuchungszeitraums an der Macht war. Doch jetzt liegt die Verpflichtung bei Schröder, für ein sozial gerechtes Deutschland zu sorgen. Sonst könnte de Armutsbericht schnell zu einem Armutszeugnis für Rot-Grün werden.
Stadtzeitung Bad Nauheim Nr. 503 vom 01.06.2001
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